Die Geschichte mit der Cappi
Unser Sohn Maik hat als Kleinkind sehr oft eine Cappi eingefordert. Nicht einmal. Nicht gelegentlich. Sondern immer wieder.
Wenn wir rausgingen, wollte er seine Cappi. Wenn die Sonne schien, wollte er seine Cappi. Wenn sie nicht da war, wurde es anstrengend.
Für uns sah es damals zunächst aus wie eine fixe Idee. Eine Marotte. Ein Bestehen auf etwas, das doch eigentlich nicht so wichtig sein konnte. Ein Verhalten, das uns im Alltag genervt hat.
Wir dachten: Muss das jetzt wirklich sein?
Und ja — manchmal waren wir ungeduldig. Manchmal haben wir diskutiert. Manchmal haben wir versucht, es ihm auszureden.
Bis wir irgendwann verstanden haben: Für Maik war diese Cappi kein Accessoire. Sie war Schutz.
Sie war kein Trotz. Kein Machtspiel. Keine Laune.
Das Sonnenlicht hat ihn nicht einfach nur geblendet. Es war für ihn offenbar zu viel. Zu hell. Zu intensiv. Zu nah am Körper.
Was für uns wie ein kleines Alltagsthema aussah, war für ihn eine echte Überforderung mit Eindrücken.
Die Cappi half ihm, diese Eindrücke zu begrenzen. Sie gab ihm Orientierung. Sie gab ihm Sicherheit. Sie half ihm, draußen besser bei sich bleiben zu können.
Der erste Impuls war Schuld
Als uns das klar wurde, kam zuerst ein schmerzhafter Gedanke: Wie konnten wir das nicht früher sehen?
Wir fühlten uns schlecht. Wir dachten, wir hätten ihm Unrecht getan. Wir fragten uns, ob wir in diesen Momenten zu hart, zu genervt oder zu wenig aufmerksam gewesen waren.
Aber genau dort beginnt der Unterschied.
Nicht in der Schuld. Sondern in der Verantwortung.
Denn sobald wir verstanden hatten, was in dieser Situation wirklich wirkte, konnten wir anders handeln.
Ab diesem Moment war die Cappi kein Diskussionsthema mehr.
Wenn Maik sie brauchte, bekam er sie. Und wir hatten immer eine dabei.
Nicht, weil er sich durchgesetzt hatte. Sondern weil wir endlich verstanden hatten, was er uns mit seinem Verhalten zeigte.
Der Perspektivwechsel
Das ist für mich einer der wichtigsten Perspektivwechsel im Elternsein:
Nicht jedes Verhalten, das uns stört, ist ein Problem, das wegmuss.
Manchmal ist es ein Hinweis. Ein Schutzversuch. Eine Form von Selbstregulation. Ein Ausdruck davon, dass das Kind gerade etwas braucht, was es noch nicht erklären kann.
Wenn wir nur auf das Verhalten schauen, sehen wir vielleicht ein Kind, das nervt, fordert oder übertreibt.
Wenn wir auf die Dynamik schauen, sehen wir etwas anderes:
Ein Kind, das versucht, mit seiner Welt klarzukommen. Und Eltern, die lernen dürfen, genauer hinzusehen.
Was dieser Moment verändert hat
Das bedeutet nicht, dass Eltern immer alles sofort verstehen müssen. Das können wir gar nicht.
Aber es bedeutet, dass wir innehalten können, bevor wir ein Verhalten vorschnell bewerten.
Vielleicht fragt das Kind nicht nach zu viel. Vielleicht zeigt es nur: So ist es für mich gerade zu viel.
Vielleicht geht es nicht darum, strenger zu sein. Vielleicht geht es darum, feiner wahrzunehmen.
Vielleicht ist das, was uns im ersten Moment nervt, genau der Punkt, an dem unser Kind uns etwas über sein Erleben zeigt.
Und vielleicht beginnt bewusste Elternschaft genau dort: nicht perfekt zu reagieren, sondern bereit zu sein, die Situation neu zu verstehen.
Heute bin ich dankbar für diese Erfahrung. Nicht, weil wir damals alles richtig gemacht haben. Sondern weil wir irgendwann aufgehört haben, nur auf das sichtbare Verhalten zu schauen.
Wir haben verstanden: Die Cappi war nicht das Thema.
Das Thema war, was Maik durch sie regulieren konnte.
Und als wir das gesehen haben, wurde aus einem täglichen Reibungspunkt ein Akt von Verständnis.